WANTED: Der Pilz

 

Ein Weiblein steht im Walde. Es hat ein allwettertaugliches Mäntlein um, ein stoßfestes, luftdurchlässiges Sammelbehältnis in der Hand und ein megascharfes Schweizermesser in der Hosentasche. Sogar ein fachkundiger Begleiter ist mit von der Partie, der Pocket-Pilzführer mit „ausführlicher Beschreibung in Wort und Bild“. Alles perfekt, nur die Pilze fehlen.

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Das ist keineswegs komisch, denn das Weiblein bin ich. Seit einer guten Stunde bin ich auf der Suche nach einer Grundlage fürs Abendessen. Denn selbst gefundene Pilze nehmen es preislich mit jeder Tütensuppe auf, geschmacklich sogar mit jedem Kalbsbraten. Und sie sind schnell auf dem Tisch: putzen, schmoren, fertig. Pilze lechzen zwar – genau wie wir, wenn wir lange genug suchen mussten – nach einer ordentlichen Portion Kohlenhydrate, sind aber flexibel genug für alles, was der Vorratsschrank hergibt: Kartoffeln, Pasta, Reis, Polenta. Natürlich tut es auch ein frisches Baguette.

Pilze geizen nicht mit Aroma, wenn ein Klacks Butter oder Sahne sie in die Pfanne begleitet. Sie lassen sich aber auch gern von ein paar ländlich derben Speckwürfelchen ausgelassen umringen. Zum Begrünen eignen sich Petersilie, Kerbel oder Liebstöckel.

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Gesund sind sie außerdem – teilweise. Sie enthalten jede Menge Eiweiß und Ballaststoffe, Kalium und Magnesium. Pilze sollen sogar, so behauptet ein Wissenschaftler namens Jan Lelley, dank immunitätsfördernder Stoffe das Leben verlängern. Leider enthalten manche Arten auch Gifte wie Orellanin und Muskarin, die die Lebenserwartung abrupt verkürzen (was wiederum Krimiautoren wie mich leidlich ernährt). Weitere Vertreter der Spezies schmecken so bitter, dass schon ein Kosthappen genügt, um selbst Gift und Galle zu spucken. Vor üblen Erfahrungen will mich mein Pilzführer bewahren, das hat er mir auf dem Cover versprochen.

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Im Wald und auf der Heide müssten sie jetzt quasi wie Pilze aus dem Boden schießen, all die Pfifferlinge und Butterröhrlinge, die Frauentäublinge und Parasole … Mehr als fünftausend einheimische Arten soll es geben. Doch in dieser hinterwäldlerischen Ecke des deutschen Mittelgebirges wachsen bloß leberschädigende Hallimasche, staubende Boviste und madenzerfressene Steinpilzruinen. Nicht zu vergessen das hydraköpfige tschernobylsche Atommüll-Zwischenlager namens Maronenröhrling. Es soll immer noch extreme Mengen Cäsium 137 abstrahlen.

Gar so schnell gebe ich nicht auf. Beherzt stapfe ich querwaldein und treffe auf einen Trupp graubrauner Sonderlinge. Wie Ork-Ohren schrauben die sich aus der Laubdecke. Gruselig! Wohl nicht von ungefähr nennt mein Pilzbrevier sie Totentrompeten. Doch bei dem, was druntersteht, muss sich der Autor vertan haben: „Wertvoller Speisepilz“. Ob das stimmt? Ich ziehe seufzend weiter. Es ist wohl berufsbedingt, dass ich Druckfehler eher aufstöbere als etwas Brauchbares.

Boletus Foto: estranger-pixabay

Einer sicherlich gefährlichen Pilzverwechslung mit knapper Not entgangen, ziehe ich müde und hungrig weiter. Da erscheint mir im sonnenbeschienenen Moos eine Lichtgestalt, groß, prall und goldgelb gesprenkelt. Ich würde sagen: ein Schönling. Aber mein Pilzführer weist ihn als Grubigen Milchling aus, nennt ihn obendrein „schwach giftig“. Kaum zu glauben. Ich schneide meinen Findling – ökologisch korrekt oberhalb der Stielbasis – ab und bette ihn sanft in meinen Korb. Er soll noch eine Chance bekommen. Bei Wikipedia. Schließlich passiert es mir auch manchmal, dass Leute mich falsch einschätzen.

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Es wird Abend. Unter allen Wipfeln ist Ruh‘. Nur mein Handy bimmelt. Zu Hause wartet die hungrige Meute. Wo ich so lange bleibe, wollen sie wissen. „Ich habe einen blonden Schönling gefunden“, sage ich. Doch das scheint keinen zu interessieren. Sie haben sich selbst auf die Suche begeben und ganz viele Champignons entdeckt. Zuchtchampignons. Und zwar bei uns im Kühlschrank.

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Stimmt, die sind vom Supermarkt. Ich wollte sie gestern früh blanchieren und einfrieren. Muss aber keiner wissen. Also sage ich „super!“ und mache mich auf den Heimweg. Zuvor lege ich meinen Schönling zurück ins Moos. Bestimmt wird ihn bald eine nette Schnecke angraben.

Ihre

Ella Theiss

Die Genussliga-Ladies danken Ella für die Einstimmung auf den Herbst und wünschen ihr und allen Pilzsuchern eine erfolgreiche Saison!

Ella Theiss ist Autorin von Kriminalromanen und lebt in der Nähe von Darmstadt. Viele Jahre arbeitete sie unter ihrem Klarnamen Elke Achtner-Theiss als Journalistin, war unter anderem Chefredakteurin von Schrot&Korn und ReformhausKURIER.

Wer mehr erfahren möchte, sei auf diese Seite eingeladen: www.ellatheiss.de

oder hier: http://www.prolibris-verlag.de/buch/duo-mit-beretta

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verantwortlich für Text und Bild: Ella Theiss

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