Gewitter – ein Genuss

Schwüle drückt die Lungen zusammen. Feine Schweißperlen benetzen die Haut. Der Hemdkragen beschwert feucht den Nacken. Die Zeit steht still. Die durstige Erde hat sich in spinnennetzartige Furchen gelegt. Verwirrte Käfer suchen darin Schatten.

Endlich ein Windhauch, die Gräser am Wegesrand beginnen zu zittern. Wolken ballen sich zusammen, verdunkeln die Welt.

Foto: Laura Gambrinus

Dann kracht es los, das Gewitter. Lichter zucken über den schwarzen Himmel, Donner zerreißt die Luft. Und ein kalter Schauer rauscht über das Land.

Foto: Laura Gambrinus

Wenig später ist die Luft erfrischend klar – ein Genuss. Die Atmosphäre hat durchgeatmet. Und wir tun es ihr nach. Die Hitze ist vorbei. Und wir sind der Gefahr entronnen, kein Blitz hat uns erwischt.

Foto: Laura Gambrinus

So hat jeder seine eigene Erfahrung mit Gewittern. Als ich ein Kind war, sprang mein Vater bei Gewitter vor die Haustür, fuchtelte mit den Armen durch die Luft und rief: „Seht her, mich trifft kein Blitz!“ Ich stand mit meinem Bruder auf der Türschwelle, sah zu, bis Vater der Regen aus den Haaren rann, und zuckte bei jedem Donnerschlag zusammen. Dabei wollte mein Vater uns Kindern nur die Angst vor Unwettern nehmen, die meine Mutter permanent in uns schürte. Er, der Lehrer, musste demonstrieren, wie ungefährlich ein Gewitter war. Unsere Mutter zerrte während seiner kleinen Vorstellung wimmernd an uns herum, damit wir ins Haus kämen und sie die Tür schließen konnte. Sie hatte einmal miterlebt, wie der Blitz in eine benachbarte Scheune fuhr und sie niederbrannte. Zuckende Lichter am Himmel, plötzlich ein Feuer, prasselnde Flammen und beißender Qualm … Die Bilder ließen sie ihr Leben lang nicht los.

Foto: Laura Gambrinus

Überhaupt konnte meine Mutter unfassbare Angst haben. Wir wohnten am Waldrand, und wenn sie mit uns Kindern allein war, schloss sie sich nachts mit uns im Elternschlafzimmer ein, klemmte zusätzlich einen Stuhl unter die Klinke. Kam dann noch ein Gewitter auf, geriet sie in Panik und wir versuchten verzweifelt, sie zu trösten. Verständlich, dass ich irgendwann einen Gewitterkrimi schreiben musste.

Foto: Carina Augusto

Als Helden habe ich mir natürlich jemanden ausgeguckt, der die Gefahr des Gewitters mutwillig sucht. Jemanden, der Unwetter faszinierend findet und euphorisch Blitze ablichtet: einen Gewitterfotografen, der sich hier der Genussliga zeigt:

Der Regen brach ganz plötzlich aus den Wolken. Er prasselte so heftig gegen die Windschutzscheibe, dass Roberta das Lenkrad beinah verriss. In Strömen rann das Wasser am Glas entlang, die Scheibenwischer schwappten Schwall für Schwall hinweg, aber sie kamen nicht nach.
Wo waren die Markierungen auf der Straße? Wo die anderen Fahrzeuge, die Laster? Parkten die schon auf dem Seitenstreifen?
Roberta war längst vom Gas gegangen. Sie beugte sich vor, um draußen Überhaupt noch etwas zu erkennen. Ein Blitz erhellte das Innere des Wagens, ein krachender Donner folgte.
Maik fuhr auf dem Beifahrersitz aus dem Schlaf auf. „Rechts ran, fahr rechts ran! Da, da ist ein Rastplatz, siehst du?“
Roberta zögerte.
Ein zweiter Blitz, und sie sah Maiks Gesicht, gestochen scharf wie auf einer Schwarz-weiß-Fotografie. Er kniff den Mund zusammen, sein Blick hatte etwas sehr Waches, Entschlossenes. Seine Hand schwebte über dem Lenker, als wolle er hineingreifen. Roberta war der Mann in ihrem Auto auf einmal ganz fremd.
Die Abbiegung, die sie für die Zufahrt zum Parkplatz hielt, hätte sie genauso gut mit verbundenen Augen nehmen können, so wenig konnte sie sehen. Da war bloß ein undurchdringlicher Wasserschleier, hinter dem sich eine tiefe Dunkelheit erahnen ließ. Der Wagen holperte über eine unbefestigte Piste. Sie ließ ihn ausrollen. Stellte den Motor ab.
Der Regen trommelte auf das Dach. Erst immer schneller und heller. Dann langsamer und dunkler, bis sie auf der Windschutzscheibe nur noch einzelne Tropfen sahen.
Und wenn der Weg nicht auf einen Parkplatz geführt hätte?“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie gefährlich die Situation gewesen war. Ihre Kopfhaut prickelte, und es rauschte in ihren Ohren. „Was, wenn da stattdessen ein Abhang gewesen wäre?“
Er antwortete nicht. Kniete auf dem Sitz, beugte sich über die Lehne und suchte auf dem Rücksitz etwas in seiner Reisetasche.
Roberta wurde es im Auto zu eng. Sie öffnete die Tür und stieg aus. Tatsächlich standen sie auf einem Parkplatz. Aber er war außer Betrieb. Die Fahrbahn war abgetragen, der alte Belag am Rand aufgetürmt. Hohe Tannen schirmten den Rastplatz ab. Aus ihren Wipfeln tropfte letzter Regen. An dem Stück Himmel, das sie freigaben, trieben dunkle Wolken dahin. Die Hände am nassen Dach abgestützt, atmete Roberta tief durch.
Bleib so“, sagte Maik aus dem Auto heraus. „Nicht bewegen. Oder nein, halt, geh noch besser zwei Schritte zurück.“ Er hatte seine Kamera auf sie gerichtet, und sie tat, worum er sie bat. Ein Reflex aus Kindertagen. Wenn man fotografiert wird, gehorcht man dem Fotografen. Lächelt, wechselt auf seinen Wunsch die Positur oder den Standort. Man fragt nicht danach, was die Anweisung soll.
Verspätete Blitze flammten auf, Roberta zuckte zusammen.
Nicht bewegen!“ Maik drückte ab …

 Genüssliche Gewittergrüße,

Uli Aechtner

Die Genussliga bedankt sich ganz herzlich bei Uli Aechtner für diese „stürmisch gewittrigen“ Zeilen. Der spannend unterhaltsame  Gewitterkrimi ist überall im Buchhandel erhältlich:

Uli Aechtner: Mordswetter, Emons-Verlag 2017.

Mehr über Uli Aechtner finden Sie auf ihrer Homepage: Uli Aechtner

Verantwortlich für den Text: Autorin Uli Aechtner
Verantwortlich für die Fotos: Carina Augusto (Porträtfoto von Uli Aechtner) und Laura Gambrinus (Gewitter)

Ein Gedanke zu „Gewitter – ein Genuss

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.