Die Undercover-Party

Irgendwann kommt der Tag, da legen auch ökologisch korrekt erzogene Kinder ihre Waldorfpüppchen beiseite, feuern ihre Holzbauklötzchen in die Ecke und verlangen mehr oder minder lautstark nach Smartphones, Barbies, Gummimonstern … Irgendwann kommt auch der Geburtstag, den sie mit frittierten Chickenwings und quietschrosa Marshmallows begehen möchten. Womöglich soll der Höhepunkt der Veranstaltung in ein „etwas anderes Restaurant“ verlegt werden. Für kluge Eltern heißt es da: durchatmen, ruhig bleiben und Agententhriller zu Rate ziehen. Denn mit bewährten Undercover-Strategien lassen sich die letzten Bastionen gesunder Ernährung durchaus verteidigen. Hier einige Beispiele:

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Schweigen wie Humphrey
Schweigsamkeit ist eine Kerntugend erfolgreicher Geheimagenten, wie wir aus vielen klassischen Hollywoodstreifen wissen. Reden Sie also nicht von „leckeren Vitaminen“ und „prima Vollwertzutaten“. Das Thema hat bei der Klientel, die Sie bedienen, einen ähnlichen Stellenwert wie Zähne putzen, Zimmer aufräumen und Gedichte hersagen. Servieren Sie Ihr Menü lieber so wie Humphrey Bogart es tun würde: Cool und kommentarlos.

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Verdeckte Manipulation
Das Auge isst mit. Das hat küchentechnisch Vor- aber auch Nachteile. Es gibt da nämlich spezielle Miesmacher, die erkennen sofort die Kleie im Kuchen und kreischen noch bevor einer gekostet hat: „Ihh, Vollkorn!“ Lernen Sie also, verdeckt zu operieren. Kaschieren Sie den Kuchenteig mit gemahlenen Nüssen oder Schokoraspeln, bestreichen Sie Brote randdicht mit einem Aufstrich und garnieren Sie sie farbenfroh. So signalisieren Sie feindlichen Spähern: Entwarnung, alles Genuss pur!

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Gemischte Taktik
In heikler Mission funktioniert die verdeckte Manipulation leider nur bedingt. Setzen Sie in dem Fall auf das Motto: „Ein geglückter Kompromiss ist besser als ganz zu kapitulieren“, und greifen Sie zum Beispiel bei Spätzle zu einem teilausgemahlenen Dinkelmehl. Oder mogeln Sie „braune“ Nudeln als Farbtupfer zwischen die weißen. Meister der Mischtaktik versetzen Limonade mit ähnlich-farbenem Obstsaft, reiben echte Karotte in die Schaschliksoße und füllen Marshmallows mit Früchtepüree.

Goldfinger-Strategie
Machen Sie es wie James Bond: Bezwingen Sie gegnerische Hochburgen durch Imitation. Statt vor tauben Ohren gegen Fast-Food-Ketten zu predigen, toppen Sie sie einfach. Kulinarisch ist das sowieso kein Problem. Doch das unkomplizierte, am Urhorden-Instinkt ausgerichtete Ambiente solcher Restaurants müssen Sie erst mal neidlos anerkennen – bevor Sie zum Überholen ansetzen: weg mit Blümchenservice, Kuchengäbelchen und Etikette, her mit Fingerfood! Platzieren Sie in die Tischmitte ein Sammelsurium aus Delikatessen, die zwischen zwei Kinderhände passen und zum Reinbeißen gut aussehen.

Winzerweck ... alles aus dem Quellenhof

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Star-Mobbing
Der Zweck heiligt die Mittel. Als Agent in Sachen Gesundheit dürfen Sie guten Gewissens gegen kinderhirnerweichendes Werbefernsehen anstänkern, wenn Sie niemandem persönlich schaden. Mobben Sie zum Beispiel die Akteure. Behaupten Sie vor versammelter Runde, den jungen Mann, der sich immer diese aromatisierte Brause reinzieht, gut zu kennen. Aber lästern Sie nicht! Das wäre nicht nur gemein sondern auch wirkungslos. Loben Sie ihn lieber. Erzählen Sie, er sei ausgesprochen wohlerzogen, dufte nach Sandelholz und habe Ihnen schon mal die Hand geküsst. – Das törnt ab. Und ihre Saftschorle gewinnt ganz neue Fans.

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Noblesse oblige
Mit allzu plumpen Lügen verspielen Sie wohlverdientes Vertrauen. Versuchen Sie also nicht, einer Meute aufgeweckter Youngsters einen vegetarischen Brotaufstrich als „Leberwurst“ aufzutischen. Oder panierten Tofu als „Hähnchenschnitzel“. Selbst ein Geheimagent gibt ehrlich Auskunft – falls es sich partout nicht vermeiden lässt. Zeigen Sie bei hochnotpeinlicher Befragung einfach Noblesse: Brust raus, Nase hoch und feste Stimme: „Ist ‘ne Edelmarke! Aus dem Bioladen!“ Wenn Sie es richtig gemacht haben, dann gewinnen Sie mit größter Wahrscheinlichkeit sogar einen kleinen Überläufer: „Da kauft meine Mami auch ein.“

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Ihre Erfahrungen und Tipps zu gesunden Kindergeburtstagen teilte dankenswerterweise mit uns
Elke Achtner-Theiss

Das Genussliga-Dreigestirn dankt dafür ganz herzlich!

Wir bedanken uns außerdem bei S.Hofschläger/pixelio für die Gestaltung unseres Aufmacherbildes.

Elke Achtner-Theiß verfasst seit mehr als zwanzig Jahren Artikel und Sachbücher zum Thema Food und Wellness. Sie war unter anderem Chefredakteurin von Schrot&Korn und vom ReformhausKURIER.

Unter dem Namen Ella Theiss schreibt sie auch Romane und Erzählungen. Mehr unter www.achtner-theiss.jimdo.com und www.ellatheiss.de

Ellas Autorenseite beim Grafit Verlag: www.grafit.de/service/autoren/autorendetails/autor/achtner-theiss/

Neu erschienen:
Alte Gemüsesorten
Von der Ackerbohne bis zur Zuckerwurzel
Anaconda Verlag 2015, Euro 9,95
ISBN: 978-3-73060290-4

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