Die Raunächte oder: Zeit für meine Wünsche

Dass es mehr gibt als das Sichtbare, wissen wir Menschen seit Anbeginn. Doch wir wären nicht wir, wenn wir das Unsichtbare nicht doch sichtbar machen wollten. Mit Worten, Bildern, Bräuchen und Ritualen.P1040799

Die Zeit um die Jahreswende trägt einen geheimnisvollen Namen: Raunächte. Von diesen Nächten gibt es in manchen Gebieten drei, in anderen gleich zwölf hintereinander. Wann sie beginnen, ist von Region zu Region unterschiedlich. Zeit ist bekanntlich Relativ. Auf jeden Fall enden die Raunächte am 6. Januar (Dreikönigstag).

Die ganz besonderen Nächte dieser Zeit kennt jeder:

Der 21.12. Die längste Nacht des Jahres wird wohlklingender Wintersonnenwende oder Thomasnacht genannt.

Himmelscheibe Nebra

Die Himmelsscheibe von Nebra

Der 24.12. Heilig Abend. Auf diese Nacht wartet jedes Kind in Deutschland voller Sehnsucht. Ein alter Aberglaube besagt, dass in dieser Nacht Schlag Mitternacht alle Tiere für einen Tag sprechen können.

Julaftonen_av_Carl_Larsson_1904

„Julaftonen“ (Der Heilige Abend) (1904–1905), Aquarell von Carl Larsson

Der 25.12. Weihnachten. Wir sind alle noch ganz erfüllt von den Erlebnissen und umhüllt von Düften und Kerzenschein.

Weihnachtsgrüße

Der 31.12. Sylvester. In dieser Nacht ist von Gemütlichkeit und Besinnlichkeit keine Spur: nicht nur die Korken knallen!

Feuerwerk2

Der 06.01. Erscheinung des Herrn oder Dreikönigstag. Ursprünglich als Tag von Christi Geburt gefeiert.

Epiphanias

Buchmalerei aus dem Ingeborg-Psalter, um 1200: Die Heiligen 3 Könige vor Herodes (Matthäusevangelium 2, 7) und dem Kind ihre Schätze darbietend (Matthäusevangelium 2, 11)

Die Rituale und Bräuche für diese Nächte sind sehr lebendig und werden jährlich ausgiebig gefeiert. Dabei unterscheiden sie sich je nach Kontinent, Land, Landstrich, Dorf, sogar Familie in den Ausprägungen.

Doch auch an den anderen Raunächten gibt es Bräuche, die bis heute mehr oder weniger lebendig geblieben sind. In vielen Landstrichen quer durch Europa hält sich der Aberglaube, dass in dieser dunklen Zeit die Seelen der Verstorbenen Ausgang haben, inklusive Teufeln, Wehrwölfen, Geistern und anderen Unholden.

Charly_Augen

Der Brauch an Sylvester, solch einen Lärm zu machen, stammt wohl ursprünglich daher, diese Biester zu vertreiben.

Aber in diesen Nächten wird uns auch endlich die Möglichkeit gegeben, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Ein bis heute populäres Ritual ist das Bleigießen an Silvester.

Bleigießen

In den Raunächten muss man sich aber auch besonders in Acht nehmen: vor der wilden Jagd der nächtlichen Reiter und Heere. Deshalb ist es in einigen europäischen Landstrichen (vor allem im Alpenraum) bis heute verboten, in diesen Nächten Wäsche aufzuhängen. Die Reiter würden, so der Aberglaube, die weiße Wäsche gleich als Leichentuch des Besitzers benutzen. Und keine Frau sollte in dieser Zeit je ihre Unterwäsche aufhängen, wenn sie von den Reitern nicht überfallen werden will. Für Frauen und Kinder ist es in diesen Nächten eh ratsam, das Haus nicht zu verlassen.

CordesWildeJagd

Johann Wilhelm Cordes: Die Wilde Jagd“ – Skizze zum Gemälde 1856/57

Das Schaurige und Schöne liegen in diesen Nächten also dicht beisammen. Ein schönes Brauchtum, um seine Wünsche zu erfüllen, lernte ich durch die Künstlerin Sitta Derstroff kennen. Mögen mich die nächtlichen Reiter holen, wenn ich dies nicht auf der Stelle an die Genussligaleser weitergebe.

Dafür brauchen wir dreizehn Zettelchen von gleicher Farbe und Form, dazu ein Säcklein oder eine Schachtel. (Hier ein  Wunsch-Zettel-Bastelbogen)

Am 21.12., wenn es draußen dunkel ist, schreibst du je einen Herzenswunsch auf deine dreizehn Zettelchen.

Doch Achtung, die Wünsche sollen positiv formuliert sein. Statt „ich will nicht krank werden“, sollte da stehen: „Ich wünsche mir Gesundheit!“ Aber noch besser ist es, man formuliert seinen Wunsch so, als wären sie schon längst in Erfüllung gegangen: „Ich bin gesund!“

Es geht dabei um Wünsche, die uns wirklich am Herzen liegen. Ein rosa Cabriolet oder ein eigenes Pony gehören eher nicht dazu, Wohlstand und Reichtum aber durchaus.

Dann rollst oder faltest du deine dreizehn Wunsch-Zettel zusammen und legst sie in das Säckchen.

Wunschzettel

Ab dem 25.12. beginnst du mit dem eigentlichen Ritual. Ziehe in der Nacht des 25.12. eine deiner Wunsch-Zettel und trage ihn, ohne ihn zu öffnen und zu lesen hinaus. Dort verbrennst du den Zettel.

Feuer

Mit dem Rauch schickst du deinen Wunsch in den Himmel. Die Asche deines Wunsches nährt die Erde. Beide Kräfte wirken zusammen und arbeiten für dich und deinem Herzenswunsch. So fährst du in jeder Nacht fort, bis dir am 06.01. ein Zettelchen übrig bleibt. Diesen letzten Wunsch-Zettel darfst du nun öffnen und lesen. Was immer es für ein Wunsch ist, um die Erfüllung dieses Wunsches musst du dich selber kümmern, um all die anderen zwölf kümmert sich das Universum.

Hintergrund Sternenhimmel

Denn wie heißt es so schön?

Leben ist Genuss des Augenblicks!

Genussreiche Grüße,

Rheina

P.S. Diesen Satz gab mir Sitta Derstroff noch mit auf den Weg: „Überlege dir gut, was du dir für das nächste Jahr wünschst, denn es wird in Erfüllung gehen.“

19 Gedanken zu „Die Raunächte oder: Zeit für meine Wünsche

  1. Locke

    hallo und herzlichen Dank für das wunderschöne Ritual,
    macht es sinn, die wünsche auf einheitlich farbiges Papier zu schreiben um die wunschkraft zu verstärken ?

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    1. fenna

      Alles zur Verstärkung der Wünsche macht Sinn – ich nehme allerdings immer weißes Papier, damit ich mir nicht merken kann, welcher Wunsch auf welchem Papier stand … Schließlich bleibt ja einer übrige, um den man sich selbst kümmern muss …

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      1. Heide

        Ich habe eine Frage
        Wann ist die Zeit für den erste Zettel?
        Am Abend des 24.12., nach Sonnenuntergang, also in der Nacht von 24. auf 25.12.
        Oder erst am Abend/Nacht des 25.12., also in der Nacht auf den 26.12.
        Oder kann man den Zettel auch am Tag verbrennen, also den ersten irgendwann am 25.12.?

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        1. fenna

          Den 1. Zettel am Abend/in der Dunkelheit des 25.12 verbrennen! Und dann so weiter jeden Tag – bis man am 6.1. lesen kann, um welchen Wunsch und seine Erfüllung man sich selber kümmern darf. Gutes Gelingen!

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  2. Gabriella

    Hallo ihr Lieben.
    Ich habe schön brav meine 13 Zettelchen geschrieben, war jedoch dann 3 Tage weg und habe es somit verpasst diese zu verbrennen. Was soll ich denn nun machen? Kann ich das nachholen oder soll ich einfach drei Zettel beliebig weggeben? Danke. Gaby

    Antworten
    1. Rheina Beitragsautor

      Liebe Gaby, ich habe meine vergessenen Zettelchen zusammen verbrannt und dabei ganz feste an sie gedacht. So waren die Wünsche auch nicht so allein 🙂 Vielleicht ist die Wirkung dadurch sogar stärker? Lassen wir uns überraschen. Herzlichst, Leila

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  3. Diana Dahlke

    Hallo, kann ich meine 13 Zettelchen auch noch am 24.12. schreiben oder bringt es Unglück, wenn ich es nicht am 21.12. getan habe?

    Antworten
    1. fenna

      Schreib ruhig los, das passt schon! Ich habe meine im letzten Jahr auch erst später geschrieben und alles hat wunderbar das ganze Jahr über geklappt!
      Gutes gelingen!

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  4. stadtgarten

    Das ist ein sehr schönes Ritual mit den 13 Wünschen, vielleicht probiere ich es einfach einmal aus.
    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel und noch eine schöne Adventszeit!
    Liebe Grüße, Monika

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    1. Rheina Beitragsautor

      Liebe Nina, so ging es mir auch. Aber während des Schreibens waren die 13 Zettelchen dann plötzlich alle voll 🙂
      Herzliche Grüße,
      Rheina

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  5. Sabine

    Die Raunächte stehen an. Ich werde dieses Jahr auch ein Tagebuch führen und meine Gedanken, Empfindungen, das Wetter und die jeweilige Stimmung notieren. Die Tage nach dem 24.12. sind jeweils einem Monat des neuen Jahres zugeordnet. Der 25. steht für den Januar, der 26. für Februar und so weiter. Mal schaun ob die Gedanken, Gefühle, Menschen und Stimmungen dieser Tage sich im jeweiligen Monat des kommenden Jahres wiederfindet und ob meine Wünsche, die ich dem Universum anvertraue, in Erfüllung gehen.
    Ich wünsch Euch wunderbare Raunächte, Besinnlichkeit, Einkehr und eine schöne stade Zeit.
    Sabine

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    1. Rheina Beitragsautor

      Liebe Sabine, das ist auch eine großartige Idee! Zu meinem Erstaunen muss ich sagen, dass sich tatsächlich fast alle Wünsche erfüllt haben. Warum auch immer und die, die sich nicht erfüllt haben, wünsche ich mir einfach fürs nächste Jahr noch einmal. Vielleicht brauchen die noch ein wenig Zeit 🙂
      Herzliche Grüße,
      Rheina

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  6. Fenna

    Heute habe ich den letzten Wunsch verbrannt und morgen – ich bin schon sehr gespannt – erfahre ich, um welchen ich mich selber kümmern muss. Und selbstverständlich, Sabine, werde ich auch die Fenster und Türen lange offen lassen …

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  7. Sabine

    Es gibt so viele schöne Rituale in der Raunachtzeit, dieses kannte ich noch nicht. Vielen Dank dafür – und vergesst nicht in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar die Fenster und Türen längere Zeit zu öffnen, damit die Geister des alten Jahres gehen und die des neuen einziehen können.

    Schöne Tage wünscht Sabine

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  8. ujott

    Ein sehr schönes Ritual, ich habe es schon ausprobiert und – in gekürzter Version – auch mit Freunden zu einem Neujahrsritual gemacht. Erst vor ein paar Tagen hat einer dieser Freunde erzählt, dass es gewirkt hat… ein ganz wichtiger Wunsch ist jetzt erfüllt. 🙂
    Werde es in den kommenden Rauhnächten auf jeden Fall wieder machen!

    In diesem Sinne… habt eine gute Zeit!

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