In Suriname aus der Zeit fallen: Ein Besuch auf Matu Island

Ich sammle Inseln. Wann immer ich in Urlaub fahre, muss mein Ziel eine Insel sein oder der Aufenthalt mir wenigstens die Chance zum Besuch eines Eilandes gewähren – sonst fahre ich gar nicht erst los.

Im Laufe der Jahrzehnte habe ich so eine recht stattliche Anzahl meiner Sehnsuchtsinseln bereist: von winzig bis riesig, von spektakulär bis wohltuend alltäglich.

Keine Insel aber hat mich so nachhaltig beeindruckt wie Matu Island, ein winziges Kleinod im südamerikanischen Suriname. Von keinem Aufenthalt träume ich so oft, dass ich ihn noch einmal wiederholen darf.

Foto: Fenna Williams

Matu Eiland ist jung. Die Insel entstand ab 1964 durch das langsame Aufstauen des Suriname River zum gigantischen Brokopondomeer, das elektrischen Strom aus Wasserkraft liefern sollte, um die Aluminiumwerke des Landes zu versorgen. Erst 1971, als das Reservoir völlig gefüllt war, hatte auch Matu Island (und viele andere Inselchen mit ihr) ihre endgültige Form gefunden.

Ganz nebenbei – und ganz sicher unbeabsichtigt – hat man durch diesen drastischen Eingriff in die Natur (die Staumauer ist 54 m hoch und zusammen mit allen Stauanlagen 10 km lang) eine ganz eigene, einzigartige Welt geschaffen.

Das Brokopondo-Reservoir, auf offiziellen Karten nach dem Wasserbauingenieur Willem-Johann-van-Blommestein-See genannt, gehört mit seinen knapp 1600 Quadratkilometern zu den fünfzig größten Stauseen unserer Erde. Vom Boot aus kann man glatt vergessen, dass man sich mitten im Land befindet, so überwältigend ist der Eindruck, wenn man das Ufer nicht mehr sehen kann.

Mit dem Korjal auf dem Brokopondo Foto: Fenna Williams

Der Stausee hat die ursprüngliche Welt des Urwaldes völlig verändert. Mehrere Dörfer in den früheren Senken mussten umgesiedelt werden und in der sogenannten Operation Gwamba wurden mehr als 10.000 Säugetiere in höhere Regionen gescheucht. Die Einwohner sind sicher, dass das nahegelegene Brokopondo Nature Reserve nur deshalb eine so außerordentlich beeindruckende Artenvielfalt aufweist.

Während für Mensch und Fauna gesorgt wurde, entschied man sich, die Flora einfach sich selbst zu überlassen. Je höher das Wasser stieg, desto mehr tropische Bäume versanken in den Fluten und ließen eine Welt zurück, die gleichermaßen mystisch, pittoresk und bizarr anmutet.

Foto: F. Williams

Wer heute mit einem Korjal, einem Einbaum, zu einer der neu entstandenen Inseln gelangen möchte, muss lernen, durch ein Labyrinth petrifizierter Stämme zu navigieren, die mit ihren Spitzen aus dem Wasser ragen und über und unterhalb der Wasserlinie Raum für neues Leben geworden sind.

Seit 2004 wird das durch Wasser und Zeit außerordentlich hart gewordene Holz von Tauchern in bis zu 35 Metern Tiefe mit Pressluftkettensägen geerntet und als »Stauseeholz« vor allem nach Deutschland und in die USA verkauft. Es gilt als Baumaterial allererster Güte.

Auf dem Brokopondo-Stausee Foto: Fenna Williams

Ich wollte nicht durch Suriname fahren, ohne diese einzigartige Welt erlebt zu haben, und tat mich deshalb mit einigen Freunden zusammen, um einmal eine tropische Insel ganz für uns allein zu haben.

Matu Eco Lodge Foto: Fenna Williams

Mitten in der Talsperre bietet die – rein nach ökologischen Richtlinien arbeitende Matu Island Eco Lodge – diese Möglichkeit. Die Häuser der Insel sind aus Stauseeholz gebaut und Strom wird durch Windmühlen oder über Sonnenkollektoren gewonnen.

Wenn gewünscht, kochen die Betreiber für ihre Besucher oder ziehen sich ganz zurück – Abgeschiedenheit pur.

Foto: F. Williams

Dafür bekommt man die Laute der Nacht, das Plätschern der Wellen unter der Hängematte oder das Vogelgezwitscher, das am frühen Morgen durch die glaslosen Fenster in die Schlafzimmer dringt.

Und man bekommt von der Terrasse und von jedem Teil des Ufers aus den Anblick der Tausende von Baumstämmen angetragen, die aus Matu das Zauberland machen, durch das es aus der Zeit fällt. Nichts erinnert hier an eine geschäftige Welt, die Werte außer Natur, Natur, Natur wichtig findet.

Inselchen neben Matu Island Foto: Fenna Williams

Vierundzwanzig Stunden auf Matu wiegen den Wert einer Woche Urlaubs anderswo mehr als auf, weil jedes Geräusch entweder von dir selbst kommt oder dir von der Natur geschenkt wird. Sonnenuntergang und -aufgang ersetzen den Fernseher. Das Wasser ist so klar, dass man die versunkene Welt zu sehen und zu verstehen glaubt.

Foto: Fenna Williams

Frieden herrscht hier, Gelassenheit. Die Stunde besteht aus sechzig ruhigen Minuten, in der sich der Horizont immer wieder in anderen Farben präsentiert und man die Entstehung des Wortes »Wasserspiegel« versteht.

Foto: Fenna Williams

Allerdings bleibt die kleine, wichtige Warnung, nach Sonnenuntergang nur noch im Pool, nicht im Meer schwimmen zu gehen. Das ist die Tummelzeit der Piranhas, die schließlich auch ihre Ruhe wollen …

Foto: Fenna Williams

Matu Island ist ein Kleinod ganz besonderer Güte. Wäre mein erklärtes Hobby nicht das Sammeln von Inseln und ich hätte nur eine einzige Insel der Welt gesehen, aber es wäre diese, dann hätte ich alles erlebt.

Sonnenuntergang auf Matu Island Foto: F. Williams

Deshalb träume ich mich immer wieder dorthin. Zurück zu den geheimnisvollen Lauten der Nacht und dem Geschenk der Ruhe, das sich Matu Island nennt.

Matu Island ist purer Genuss.

Ihre
Fenna Williams

Klar, Fenna arbeitet entweder gerade als Auerbach & Auerbach an einem neuen Pippa-Bolle-Krimi oder als Fenna an der Dona-Holstein-Serie. Für beide Reihen geht der Recherche-Junkie immer wieder auf Insel-Reisen auf denen oder über die sie schreibt.

Im März erscheint Teil 7 der Pippa-Bolle-Reihe:

Hier findet sich alles über Fenna Williams: www.Fenna-Williams.com

Geschrieben hat diesen Fenna auf Anregung einer lieben Kollegin hin, die Inseln ebenso liebt, wie sie selbst: Joyce Summer. Bei ihr kann man sehr viel über Inseln lernen und lesen, auf einer Blogparade und in und aus ihren Kriminalromanen: http://www.joycesummer.de/category/reisen/

 

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