Weiße Nächte unter weißen Segeln

„Das dauert vielleicht!“, stellt ein Mitreisender am dritten Abend beim Sundowner fest. Ein geschätztes Ritual, das bei der Ostseereise mit Sea Cloud II jedoch erst nach dem ausgedehnten Dinner praktiziert wird. Der Gast, der diesen Satz halb bewundernd, halb erschüttert zum Besten gibt, ist ein erfahrener Kreuzfahrer – in der Karibik. „Dort geht’s ruckzuck. Ein Drink und die Sonne ist weg!“, erklärt er und blickt irritiert erst in sein leeres Glas und dann zur Sonne, die zwar seit einem Weilchen den Horizont touchiert, aber keine ernsthaften Anstalten macht, ihren Auftritt zur verkürzen. Willkommen bei den Weißen Nächten!

Sea Cloud II liegt in Stockholm am Kai

Am ersten Abend ist dieses Phänomen noch keinem aufgefallen. Die Sea Cloud II liegt fest vertäut am Ostseekai in Kiel – 30 Meter Luftlinie zur NDR-Bühne, die zur Kieler Woche lautstark bespielt wird. Außerdem herrscht norddeutsches Schietwetter mit angelegentlichem Nieseln. Dann lieber fix in die Koje, um fit zu sein für die Windjammer-Parade am nächsten Vormittag.

Kieler Woche – Windjammer-Parade

Die ist dann auch ein prächtiges Spektakel. Hunderte Segelschiffe jeder Größe schippern über die Förde, und sogar der Wettergott zeigt sich gnädig und schickt ein wenig passenden Wind. Ist ja immer hübscher, wenn die Segel nicht matt herunterhängen, sondern ihren Job tun. Nach gut zwei Stunden, etwa in der Höhe Laboe, kehren die meisten Schiffe wieder um. Wir winken ein letztes Mal der Gorch Fock und nehmen Kurs auf Visby.

Kieler Woche 2015 – Windjammerparade

Am nächsten Morgen ist die Welt in 50 shades of grey getaucht. Kaum ein Unterschied ist zwischen Meer und Himmel auszumachen, bleigrau, ölig und vor allem vollkommen spiegelglatt zeigt sich die Ostsee. Nicht die optimalen Konditionen für ein Segelschiff, doch der Ersten Offizierin Kathryn Whittaker verdirbt das nicht die Laune. „There’s no wind, but what the …“ Auf dem Programm steht nämlich Segelsetzen mit Erklärung, und weil gerade sonst nichts zu tun ist und keiner auf freche Böen oder ähnliche Widrigkeiten achten muss, lässt sie jedes einzelne Segel hochziehen, stellt es mit Namen vor, und erzählt Schwänke aus ihrer Zeit als Matrosin. Als die Sea Cloud II schließlich ganz in Weiß erstrahlt, reißt wie durch ein Wunder auch der Himmel auf und das triste Grau in Grau weicht  perfektem Blau. Wind wäre auch schön, aber alles geht wohl nicht. Doch immerhin bietet die Flaute die rare Chance für eine Fotosafari ums Schiff herum. Die Zodiacs werden heruntergelassen, immer zehn Passagiere in ein Schlauchboot gepackt und ab geht die Fahrt um die majestätische Lady mit ihren prachtvollen, wenn auch leicht schlaffen Segeln.

Fotosafari mit Sea Cloud II im Fokus.

Nach gut zwei Tagen auf See ist beim ersten Stopp in Visby der Bewegungsdrang der meisten Gäste so groß, dass sie nach dem Anlegen umgehend das Schiff verlassen – sei es, um bei der angebotenen Radtour oder der Stadtführung mitzumachen oder um auf eigene Faust durch den Hauptort von Gotland zu flanieren. Pittoreske Pippi-Langstrumpf-Häuschen wechseln sich mit mächtigen Ruinen ab, alles umringt von einer 3,6 Kilometer langen, gut erhaltenen Stadtmauer. Gotland ist bekannt für seine grauen lockigen Schafe, und so entern nach ein paar Stunden gleich mehrere Felle die Sea Cloud. Der Abend würde sich dann durchaus für ein romantisches Schäferstündchen eignen, doch … sie ist ein anständiges Schiff. Trotzdem liegt eine erste magische Nacht vor den Reisenden. Der Kurs geht Richtung Norden, und die Sonne zeigt immer mehr Stehvermögen. Nicht umsonst gelten die längsten Tage des Jahres in Skandinavien und den baltischen Ländern als besonders wild und aufregend. Möglich ist offenbar viel, wenn die Dämmerung endlos wird.

Dom von Visby/Gotland

Frühes Aufstehen wird am nächsten Morgen jedoch nicht belohnt. Die Fahrt durch den Schärengarten nach Stockholm ist vor allem grau und feucht. Aber immerhin gibt’s die einmalige Chance, den brandneuen Friesennerz auszuführen. Die meiste Zeit allerdings über den Arm gelegt, denn schließlich setzt sich die Sonne auch in der schwedischen Metropole durch. Statt Wasa-Museum und Stadtführung lässt sich der Tag auch wunderbar im Abba-Museum und bei ausgedehnten Streifzügen durch Djurgarden, Östermalm und die Gamla Stan verbringen. Die Sea Cloud II liegt über Nacht im Hafen, da könnte man doch eigentlich in einem der vielen Restaurants an der Uferpromenade speisen. Oder lieber „Zuhause“ an Deck beim BBQ und sich von der Abendsonne bescheinen lassen? Diese Nacht ist so schön, die sollte man draußen verbringen. Doch auch in drei dicke Decken gehüllt auf der sogenannten Blauen Lagune auf dem Sonnendeck liegend, kriechen Kälte und Feuchtigkeit langsam in die Knochen. Ein letzter Blick auf die Lichtspiele über der Stadt und dann ab ins warme Bett.

Im Schärengarten von Stockholm

In Stockholm kann man gut länger bleiben, doch auf Kreuzfahrten kommen die Abschiede schnell. Die vierstündige Ausfahrt durch die zahllosen Inseln der Schären macht allerdings vieles wieder wett. Einige Passagiere scheinen schon die nächste Investition zu planen – so ein Inselchen mit Hütte drauf wäre doch eine schöne Ferienalternative.

Stockholm: Blick auf die Altstadt

Die ohnehin schon kurze Nacht wird noch kürzer. Eine Stunde Ferienzeit geht auf der Fahrt Richtung Tallin flöten, denn die Uhren werden vorgestellt. So ist auch nicht ganz klar, ob es elf oder zwölf Uhr ist, als sich die Sonne zum Horizont bewegt. An diesem Abend muss sie sich die Ahs und Ohs übrigens mit dem Vollmond teilen, der riesig und kühl leuchtend die andere Himmelshälfte dominiert. Geht der Blick nach backbord (links) versinkt die Sonne blutrot, guckt man nach steuerbord hängt dort der Mond und wacht über die helle Nacht. Ins Bett will keiner, es ist recht mild und das Naturschauspiel muss schließlich adäquat bewundert werden. Bitte noch eine Runde!

Nicht wirklich weg – die Sonne während der weißen Nächte auf der Ostsee

Zeugen, die es komplett mitverfolgt haben, versichern glaubhaft, dass es während der gesamten Nacht nicht wirklich dunkel geworden ist. Der rötliche Schein am Horizont wanderte nur ein Stück in Richtung Osten, bis sich die Sonne um kurz nach vier wieder komplett aus dem Meer erhebt und von romantisch-schummerig auf volle Lux-Zahl schaltet. Schlau, wer die Bullaugen in der der Kabine nicht nur mit dem Vorhang verhüllt, sondern auch mit den Stahlklappen verschließt. Ein bisschen Nachtruhe muss ab und zu halt doch sein. Zumal nur Stunden später die estnische Hauptstadt auf Erkundung wartet.

Vollmond in den weißen Nächten auf der Ostsee

Selten eine europäische Metropole mit einem so hohen Putzigkeitsfaktor erlebt. Zu Fuß lässt sich die Stadt in längstens drei Stunden vollständig ablaufen, da bleibt dann noch Zeit genug für einen Museumsbesuch, ein wenig Shopping oder einen ausgedehnten Einkehrschwung in eines der zahllosen Cafés und Restaurants.

Blick auf Tallin

Neben der Sea Cloud II liegen zwar drei dicke Kreuzer im Hafen, aber die Hauptstadt von Estland zeigt sich davon unbeeindruckt. Der Rhythmus der Stadt bleibt tiefenentspannt und herzlich.

Segelsetzen auf Sea Cloud II

Die meisten Passagiere fiebern inzwischen dem Highlight der Tour entgegen. St. Petersburg wird die Reise zu den Weißen Nächten furios beschließen. Manch einer hat jedoch kein Visum für Russland erhalten und verlässt in Helsinki das Schiff. Und so wird die letzte Nacht nicht nur genossen, sondern zelebriert, denn schlafen kann man später wieder. Im Winter zum Beispiel. Und dabei von den letzten Tagen träumen. Ahoi!

Leben ist Genuss des Augenblicks

Ihre
Carin Müller

Alle Fotos wurden uns von Carin Müller zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

Die Genussliga-Ladys bedanken sich für diesen wunderbaren Artikel – wir haben jetzt eine frische Brise in den Haaren!

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