Heute schon geseufzt? Stimmarbeit nach Kristin Linklater – ein persönlicher Erfahrungsbericht

»Become your own alchemist:
take the base metal
– the poisonous lead of the difficult times in your life –
and transmute it into the gold of creation«
(Kristin Linklater)

»Werde dein persönlicher Alchemist:
nimm das Rohmaterial
– die giftigen Bleischlacken aus den harten Zeiten deines Lebens –
und verwandle sie ins pure Gold der Kreativität«
(Kristin Linklater, Übertragung: Nellie Elliot)

Blei in Gold verwandeln – wer möchte das nicht?
Jeder trägt seine »Bleischlacken« mit sich herum – die einen mehr, die anderen weniger. Ich persönlich eher mehr.

Immer schon wollte ich Sängerin werden (neben Autorin natürlich), sang überall vor mich hin und entdeckte als Jugendliche meine Stimme immer mehr als Ventil, als Ausdruck dessen, wer ich wirklich war. Wenn ich sang, war ich bei mir, ganz ich selber, sonst spielte ich die Rollen, die mir auf den Leib geschrieben wurden.
Es war eine notwendige Spaltung, aber die »Bleischlacken« in Form einiger beinahe-Erstickungserfahrungen forderten ihren Tribut.
So war es kein Wunder, dass ich mit 19 Jahren an einer massiven Stimmstörung erkrankte und das volle Programm absolvierte: teils wochenlange Sprechverbote, zwei Rehas im Stimmheilzentrum Bad Rappenau und jahrelange harte Arbeit an Stimme und Seele.

Dabei gab es so aufmunternde Worte wie die des HNO-Arztes, der mir prophezeite: »Es besteht eine Chance von fünf Prozent, dass Ihre Stimme wieder so wird wie vor der Stimmstörung.« Damals ein Schock; heute lache ich darüber, denn auf eine Art sollte er sogar recht behalten, dazu später.

Um wenigstens mit einigen Menschen entspannt kommunizieren zu können, lernte ich Gebärdensprache und rutschte für einige Jahre in die Dolmetscherei hinein – immer auch mit der Vorstellung, dass meine Hände »singen« könnten als Ersatz für die Stimme, die zwar allmählich wiederkam, aber nicht sehr belastbar war und der ich nicht mehr viel zutraute.

Vuelan mariposas!
Ich glaub auch in mir
fliegt ein Schmetterling
lauter mariposas in
meinem Hirn
meinem Bauch
könnte ich singen
meine Töne wären sichtbar
als Schmetterlinge als Regenbögen

doch
ich
bin stumm

wenn erst meine Hände
singen können dann werden
sie eine Ahnung davon haben
wie Schmetterlinge fliegen

(Nellie Elliot, 1987)


Die Stimme blieb meine große Schwachstelle. Dennoch ließ sich die Hoffnung, eines Tages wieder kraftvoll singen zu können, nicht unterkriegen. Ich tat alles dafür und lernte manches, stand irgendwann auch endlich auf der Bühne, schon vorsichtig strahlend – und gleichzeitig sehr unsicher und jederzeit leicht aus der Fassung zu bringen.

Durch befreundete Schauspieler hörte ich vom Stimmtraining nach Kristin Linklater – entwickelt als Sprechtraining für Schauspieler und alle, die ihre eigene Stimme kennenlernen und weiter entwickeln wollen. Neugierig nahm ich mir fest vor, das eines Tages auszuprobieren.

Im Frühjahr 2016 war die Zeit endlich reif und ich buchte mein erstes Linklater-Grundlagen-Seminar auf der wunderschönen Fraueninsel – nicht ahnend, welche Goldschätze für mich bereitstanden …

Die schottische Schauspielerin und Stimmtrainerin Kristin Linklater hat die revolutionären Ansätze ihrer Lehrerin Iris Warren über die Jahre weiterentwickelt, und herausgekommen ist ein sehr intensiv-körperliches Stimmtraining, das sich grob gesagt in drei Teile gliedert:

Befreiung der natürlichen Stimme
Entwicklung der Resonanzräume
Arbeit am Text

Es geht hier nicht darum, eine »schöne« Stimme zu entwickeln, wie bei vielen Gesangstrainings, sondern eben um die Befreiung der individuellen Stimme, die optimalerweise in der Lage sein sollte, unwillkürlich und unangestrengt die komplette Vielzahl menschlicher Emotionen auszudrücken – es geht ja ursächlich um Schauspieltraining.

Am Anfang fiel es mir schwer, mich auf die Übungen einzulassen – die Blockaden waren hartnäckig und eben auch nicht ohne Grund entstanden. Wirbelsäule ab- und wieder aufrollen, atmen mit lockerem Bauch und Zwerchfell loslassen – da rollten die ersten Tränchen.

(Foto: Anki Reimchen)

Überhaupt das Zwerchfell: dass Atem für die Stimme wichtig ist, hat sich ja schon herumgesprochen, aber wie intensiv man über die Vorstellung am Zwerchfell arbeiten kann, hat mich schon erstaunt. »Der einfallende Atem ist völlige Entspannung« lernte ich und, dass ausatmen schon etwas von »ich äußere mich« hat.

Einer der Linklater-Schlüsselbegriffe ist das Seufzen – eigentlich gar nichts neues, denn ganz unbemerkt füllen sich mehrfach in einer Stunde durch unwillkürliche Seufzer die Alveolen, damit sie nicht zusammenkleben. Wir lernten den »Seufzer der Erleichterung« kennen, zuerst nur mit Atem, dann auch mit Klangvibrationen – eine große Herausforderung für alle Sänger, nur zu seufzen und nicht zu singen! Während ich diesen Bericht schreibe, komme ich beim Üben immer mehr dahinter … Weniger ist mehr, wie so oft im Leben …

Das »professionelle« Gähnen (runde Mundöffnung, jedes Baby macht das noch so) konnte ich schon – aber die Kiefer-Lockerungsübungen waren eine Herausforderung.
Probieren Sie das doch mal selber aus:
Die Finger einer Hand liegen unter dem Unterkiefer und Sie stellen sich vor, Sie hätten keine Kiefermuskeln und Ihr Kiefer würde nur von Ihrer Hand gehalten – wenn Sie also die Hand wegnehmen, fällt Ihr Kiefer automatisch nach unten. In der Theorie. Praktisch ist das gar nicht so einfach, denn wir sind alle gewohnt, die Zähne zusammenzubeißen …

(Foto: Anki Reimchen)

Und so ging es weiter durch den ganzen Körper:
Wirbelsäule, Nacken, Lippen, Zunge, weicher Gaumen, Kehle – alles sollte freier, lockerer werden und für alles gibt es eine Menge Körperübungen im Sitzen, Stehen und am Boden.
Ich fand mich im reinsten Gymnastikprogramm wieder – aber wenn man begriffen hat, dass die Zwerchfellschenkel sich bis in die Hüfte erstrecken, dann überraschen einen z.B. Zungendehnungsübungen in der Diagonaldehnung auch nicht mehr.
Übrigens sind mir diese Übungen sehr ans Herz gewachsen, spätestens ab dem Moment, als es bei einem tiefen Atemzug »kracks« machte und sich meine ewig blockierten Iliosakralgelenke lösten.
Linklater-Training ist in der Tat ein echtes Ganzkörper-Stimmtraining!

Wichtig ist außerdem eine innere Haltung von Erforschen und Entdeckenwollen – »bloß keine doofe Übung machen!« hörte ich. Das half mir vor allem beim Weiterüben zuhause – und nebenbei machte es einfach Spaß, weil ich merkte, wie ich weiterkam, wie sich meine Stimme entwickelte und in der Tat immer freier wurde – es funktionierte!

Begeistert entdeckte ich die Resonanzleiter vom Brustkorb über den Mund, die Zähne, den Sinusbereich (Nasennebenhöhlen – ein wunderbares Labyrinth voller Resonanzpotential) und die Nase bis zum Schädeldach.

Ich lernte langsam, nicht mehr zuerst auf den Klang zu hören (und damit schon Kontrolle auszuüben), sondern die Aufmerksamkeit ganz auf das Spüren zu lenken. Es ist eben eine völlig andere Herangehensweise – und sehr effektiv und ökonomisch.

Mit der Textarbeit kam auch der »Imaginationsmuskel« mehr ins Spiel – unglaublich, was mit einem auswendig gelernten Text passiert, wenn man ihn in verschiedenen Farben spricht, die nebenbei ihre eigenen Geschwindigkeiten und Energien haben – oder wenn man ihn flüstert, wie in großer Angst spricht oder sich übertrieben lachend auf den Boden wirft – voller Körpereinsatz ist da gefragt – und ja, man verliert so manche Hemmungen.

Kristin Linklater arbeitet viel mit Shakespeare-Texten und auch das wurde zu einer großen Bereicherung für mich, besonders in den genialen Übersetzungen von Frank Günter.

Auch wenn es kein ausgesprochenes Gesangstraining ist – meine Singstimme wird immer freier, und als mein Kollege am Bass das erste Mal verwundert sagte »Da ist so ein goldener Glanz auf deiner Stimme!«, kamen mir fast die Tränen, denn ich dachte an Kristin Linklaters Zitat.
Ja, die giftigen Bleischlacken verwandeln sich in Gold.
Und zu dem erwähnten HNO-Arzt und seiner Prognose: Meine Stimme ist in der Tat nicht mehr so wie vor der Stimmstörung. Sie ist viel kräftiger und tragfähiger geworden – und ich bin noch längst nicht am Ende mit der Linklaterei. The best ist yet to come.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mich wieder um meine Goldschätze kümmern.

 

Leben ist Genuss des Augenblicks
Herzlich, Nellie Elliot

Das Kleeblatt von der Genussliga bedankt sich ganz herzlich bei Nellie für diesen aufschlussreichen und sehr persönlichen Einblick in ein faszinierendes Thema und die vielen schönen Fotos!

Verantwortlich für den Text: Nellie Elliot
Verantwortlich für die Fotos: Nellie Elliot und Anki Reimchen (Fotos der Autorin)

2 Gedanken zu „Heute schon geseufzt? Stimmarbeit nach Kristin Linklater – ein persönlicher Erfahrungsbericht

  1. Klara Führen

    So schöön, deine Stimme liebe Nellie Elliot.
    Deinen Kommentar so lebendig beschrieben kann ich nur bestätigen, genau so geht es mir, mit meiner Stimme. Ist es nicht wunderbar, dass Mrs. Linklater dies entwickelt hat? Und dass wir in München die wunderbare Sylvie haben, die es weitergibt an die nächste Generation Schauspieler und Sänger?

    Danke, herzlichen Dank for sharing this for us and for offering your touching voice.

    Love to hear from you again, Klara

    Antworten
  2. Michaela Kabelka

    gratulation u dank zu diesem wunderbaren, sehr persönlichen erfahrungsbericht!
    die wiedergabe des liedes am ende des textes hat mich sehr berührt.
    weiterhin viel erfolg beim kreativsein!

    micha k.

    Antworten

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