Hasentorte

Früher, als alles besser war und Großmütter noch mützchenstrickend in Schaukelstühlen saßen, anstatt wie ich und meinesgleichen blutige Krimis zu schreiben, gab es Hasenbrote. So nannten wir bei uns zuhause die überzähligen Butterbrote, die mein Vater von der Arbeit wieder mit zurückbrachte.

Da der Ernährer der Familie mit guter Butter und fetter Wurst bei Kräften gehalten werden sollte, waren auch seine Klappstullen entsprechend gehaltvoll. (Nicht umsonst sagt der Leipziger heute noch Fettbemme dazu.) Durch den Transport in der väterlichen Aktentasche vollzog sich ein wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärter Prozess: Sie gewannen außerordentlich an Schmackhaftigkeit.

Deshalb musste meine Mutter mehr Brote für Vater schmieren, als er auf der Arbeit essen würde. Abends schnitt sie die nahrhaften Heimkehrer in kleine Quadrate und briet sie in der Pfanne, bis sie schön knusprig waren. Oft kam noch ein mit Milch verkleppertes Ei darüber. Sobald das gestockt war, wurde serviert. Welch ein Genuss!

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Mit zunehmendem Abstand zur Kindheit verblasste die Erinnerung an diese Delikatesse. Dafür bekam ich Spaß daran, selbst zu kochen und zu backen, gern auch experimentell. Der Mann an meiner Seite weiß das zu schätzen, obwohl er selbst auch gern kocht, und meine Gäste können ein Lied davon singen.

Tatsächlich leide ich unter einer psychischen Störung, die bewirkt, dass ich besonders anlässlich jährlich wiederkehrender Festivitäten in stetiger Angst lebe, meine Gäste könnten nicht satt werden. Der Mann an meiner Seite versucht zwar jedes Mal, mich zu überzeugen, dass mehrere Fußballmannschaften tagelang von dem Festmahl verköstigt werden könnten – doch vergeblich. Bis zu dem Augenblick, wenn der Besuch die Türklingel drückt, rühre, brate, backe und koche ich, und oft auch noch danach. Lieber etwas mehr als zu wenig, heißt meine Devise. Noch nie ist jemand hungrig wieder nach Hause gegangen! Da aber die Gäste selten, eigentlich nie, in mehreren Mannschaftsstärken anrücken, haben sie es bisher noch nicht geschafft, alles aufzuessen. Was dann stets in wechselnden Variationen zu Reste-Gerichten bei uns führt.

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Nach den Weihnachtsfeiertagen war es wieder soweit. Selbst als uns die Familie am zweiten Tag bis zum Rand abgefüttert mit diversen Putenstücken beladen verließ, war von dem köstlichen Tier und seinen Beilagen noch viel übrig.

Da – endlich! – fielen mir die wunderbaren, guten alten köstlichen Hasenbrote wieder ein. Aber wer hält sich angesichts dieser Mengen mit Broten auf? Eine Hasentorte sollte es sein!

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Und die geht so:
500 g Mehl mit
250 g Butter (oder Margarine),
2 Eiern und
1 Teelöffel Salz

schnell zu einem glatten Mürbeteig verarbeiten, ein Kugel formen und ab damit in den Kühlschrank. Den Backofen auf ca. 200°C (180°C bei Umlauft) vorheizen und Reste kleinschnippeln. Den Teig in etwa dritteln und 1/3 ausrollen und in eine gefettete (oder mit Backpapier ausgelegte) große Spring- oder Auflaufform legen. Aus dem ausgerollten 2. Drittel den Rand formen (er sollte gut über die Backform hinausragen) und ihn sorgfältig am Teigboden festdrücken.

Jetzt schichte man die Reste hinein.

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Bei mir waren es halbierte Rosenköhle, die ich mit gekochten Kartoffelscheiben bedeckte, darüber das klein geschnittene Putenfleisch, darauf eine Schicht in Scheiben geschnittene Klöße, dann die restliche Füllung aus dem Puter und zum Abschluss Rotkohl. Damit das Ganze ein wenig Bindung bekam, hatte ich die übrig gebliebene Soße mit etwas Milch gestreckt, mit einem Ei und einem Esslöffel Mehl verquirlt und über die Schichten gegossen.

Das 3. Drittel Teig bildet ausgerollt die Deckplatte, die wiederum fest an den Teigrand gedrückt wird. Den Teigdeckel sollte man an ein paar Stellen löchern. Das, was sich noch im ausgekratzten Soßentopf befindet, reicht meist aus, um den Deckel zu bestreichen. Das kommt farblich gut! Dann wird die Hasentorte in den Ofen geschoben und bei ca. 180°C etwa 40 Minuten gebacken. Noch heiß wird die fertige Torte in Stücke geteilt und mit grünem Salat serviert.

Das Beste an der Hasentorte ist, dass man alles an Resten verwenden kann. Wenn die vorher schon einigermaßen geschmeckt haben, werden sie in der Hasentorte richtig lecker!

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Ach so: Sollte jemand wissen wollen, warum Hasenbrote Hasenbrote heißen (und somit meine Hasentorte Hasentorte), kann ich ihm gleich mehrere Theorien darlegen.

Die eine besagt, dass die hasenbrotenachhausemitbringenden Väter behaupteten, man hätte die Brote nicht essen können, weil schon die Hasen daran genagt hätten. Man stelle sich das vor: mitten im Wald, das Stullenpaket auf einen Baumstumpf gelegt und hurtig die Axt geschwungen. Und wenn dann Mittagspause war, unterbrachen die Väter ihre schwere Arbeit und bemerkten, dass Langohren den Baumstumpf umstellt hatten und der Chefhase eine Stulle nach der anderen testweise angenagt hatte. Glücklicherweise konnten die Väter die Hasen in die Flucht schlagen und so die Brote retten. Hm, ja …

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Die andere Theorie scheint mir plausibler zu sein: Die hasenbrotaufbratenden Mütter konnten sich gut vorstellen, dass es nicht Meister Lampe & Co. waren, die mit langen Zähnen an den Broten gemümmelt hatten, sondern die der liebevoll mit fetter Wurst belegten Schnitten überdrüssigen Väter selbst.

Wie dem auch sei:
Guten Appetit!

Wünscht eine hungrige
Astrid Ann Jabusch

Leben ist Genuss des Augenblicks!

Die ebenfalls von der „Lieber-zu viel-als-zu-wenig“ befallenen Köchinnen Rheina, Tania und Fenna werden diese Torte in ihr Standardrepertoire aufnehmen! Vielen Dank, Astrid-Ann für diese nostalgische Leckerei!

Mehr über Astrid Ann Jabusch: www.annjabusch.de
Und über den Mann an ihrer (Schreib-) Seite: www.trpm.de
Und über das jüngste gemeinsame Kind: www.emons-verlag.de/programm/orlando-furioso

 

Ein Gedanke zu „Hasentorte

  1. Vero Havre

    Diese psychische Störung (reicht das Essen auch?! Oh nein, viel zu wenig) kenne ich sehr gut. Hasenbrote wurden in meiner Kindheit allerdings im Originalzustand gegessen und nicht verfeinert.

    Antworten

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