Die New York-Diät

Die folgenden Anmerkungen zum Essen in New York sind erstens subjektiv und zweitens durch ein begrenztes Budget geprägt. Diesmal standen Restaurants (ganz entgegen unseren sonstigen Gepflogenheiten) nicht im Fokus unseres Interesses. Aber essen muss der Mensch – und es sollte auch lecker sein. Hier ein paar An- und Aufregungen zum Nachmachen oder Bleibenlassen. Viel Spaß!

Eine Freundin, die regelmäßig nach Amerika reist, hatte mich gewarnt: „Bevor du nach New York fährst, musst du vier Wochen hungern. Du nimmst dort nämlich 3 Kilo pro Woche zu – mindestens.“

Und dann erzählte sie mir vom Land, in dem alles größer, süßer, fettiger und salziger ist. „Aber sooo was von lecker!“, stöhnte sie mit einem Schaudern in der Stimme, das zwischen Wollust und Entsetzen schwankte. Das gleiche Stöhnen hörte ich dann auch in NYC aus über tausend Kehlen gleichzeitig: Bei einem Sonntagsgottesdienst in Brooklyn sprach der Prediger über das Fasten – und zeigte dabei eine Power-Point-Präsentation mit Süßigkeiten jeglicher Art. Halleluja! Macadamia-Nuss-Cookies, Schokoladentorte und Sahnebaisers versetzten die Gemeinde in kollektive Raserei!

Aber zuerst einmal saß ich noch am Stuttgarter Flughafen. In diesem Moment verschwendete ich keinen Gedanken daran, dass ich Typ 2-Diabetikerin bin. Auch meine lustvoll draufgefutterten Weihnachtspfunde interessierten mich nur am Rande.  Außerdem hätte ich weder Zeit noch Lust gehabt mich für diese Reise runterzuhungern.

So tat ich das, was ich bei Auslandsreisen in puncto Essen immer mache: Ich gehe ergebnisoffen und prozessorientiert an die ganze Sache ran. Durch den unruhigen Flug 😉 hatte ich schon bei meiner Landung in New York schätzungsweise zwei Kilo verloren und am nächsten Morgen hatte ich de facto seit über 24 Stunden nichts mehr bei mir behalten, was den Namen Kalorie verdiente. Ich freute mich also aufrichtig auf das American Breakfast in unserem netten, sauberen Familienhotel. Es gab auch alles … was ich nicht darf (oder mag):

Pancakes oder frischgebackene Waffeln mit Strömen von Maple-Sirup, Eier in allen nur denkbaren Darreichungsformen, aber von einer Konsistenz und Farbe, dass ich zweifelte, ob diese Eier jemals mit einem Hühnerpopo in Berührung gekommen waren. Bacon, Ham, vegetarische Frikadellen, die sich als ungenießbar herausstellten, Toast und Bagels, Brotaufstriche, gluten- und laktosefrei, aber randvoll mit Fett, Zucker und / oder künstlichen Aromastoffen. Für Gesundheitsbewusste standen drei Sorten gezuckerte ‚Cereals‘ zur Auswahl und jede Menge Milchprodukte, die ebenfalls aufwändig industriell „veredelt“ waren. Aber was war das, was dort so unscheinbar in einem Topf vor sich hin blubberte? Ich hob den Deckel und schnupperte: Oatmeal (auch bekannt als Porridge).  Ungesüßt. Warm. Lecker! Und nebendran standen Zimt, Walnüsse und Mandeln. Ich war gerettet!

Der Biss in eine knallrote Erdbeere erwies sich als grober Fehler: Sie war knackig wie ein Apfel und schmeckte nach Erdbeerkaugummi. Seltsam. Ich sandte ein stilles Dankeschön an alle, die sich gegen reduzierten Verbraucherschutz bei Freihandelsabkommen einsetzen.

Mit meinem Haferfrühstück war ich dann jedoch sehr zufrieden und hatte auch einen diabeteskompatiblen Start in den Tag. Gewöhnungsbedürftig blieben jedoch die Müllberge, die wir nach jedem Essen zurückließen: Wir aßen mit Plastikbesteck von Plastikgeschirr und tranken aus Pappbechern mit einer Manschette aus Karton als Hitzeschutz.

Immerhin wurden wir aufgefordert, diese Manschette mehrmals zu nutzen. Außerdem wurde eine interessante Art von Mülltrennung praktiziert: Auf dem einen Müllschlucker stand „Waste“ und auf dem anderen „Plastic“. Was nach welchem System in den jeweiligen Schlund hineinwanderte, war absolut beliebig und ich denke, dass spätestens in der Müllverbrennungsanlage oder auf der Deponie sowieso wieder alles zusammengeschüttet wurde.

Bekanntermaßen sind wir Deutschen durch den „Grünen Punkt“ traumatisiert und in puncto Mülltrennung krankhaft überambitioniert. Als ich jetzt nach dem Zufallsprinzip alles, was mir in die Finger kam, in beliebige Abfalleimer warf, spürte ich eine kindliche Freude: Das Prinzip „Aus den Augen aus dem Sinn“ besticht durch charmante Mühelosigkeit. Außerdem erspart es lästige Gewissensbisse in puncto Umweltverschmutzung.

Selbstverständlich hatte die New Yorker Küche noch mehr zu bieten. Neben fett, süß, salzig und künstlich, ist ein weiteres Stichwort viel prägender: INTERNATIONAL! Und das im besten Sinne!

Selbst mit schmalem Geldbeutel kommt man hier mit Messer und Gabel, Stäbchen oder den Fingern einmal kulinarisch mühelos rund um die Welt. Restaurants oder Fast-Food begegnen einem auf Schritt und Tritt und es duftet an jeder Straßenecke verführerisch.

Von Lower Manhattan kommend, eroberten wir die Lower East Side, gelangten zuerst nach Little Italy, das mit Mietskasernen und den typischen Feuerleitern noch einen Abglanz des ursprünglichen Arbeiter- und Einwandererquartiers widerspiegelt. Mit den Bildern diverser Mafia-Filme im Kopf waren wir erstaunt, wie klein dieses ‚Kleine Italien‘ tatsächlich ist, denn unversehens mischten sich immer mehr chinesische Schriftzeichen in die Leuchtreklamen und wir wechselten zwischen Grand Street und Mott Street sozusagen den Kontinent …

… und bekamen immer mehr Appetit! Ganz Chinatown schien auf den Beinen zu sein, um die Zutaten fürs Dinner zu kaufen. Frisch musste es sein – teilweise waren die Zutaten sogar noch springlebendig – und dies im wahrsten Sinne des Wortes:

Wir begutachteten Gemüse jeglicher Art, getrocknete Fische und Pilze, verdächtig aussehende Wurzeln und seltsam riechende Pulver und beobachteten Krabben jeglicher Form und Größe, die in ihren Aquarien so nervös herumwuselten, als ahnten sie das ihnen drohende Verhängnis. Überhaupt erinnerten viele Lebensmittelgeschäfte eher an Zoohandlungen und mir fiel der heimwehkranke Student aus Peru ein, der in Deutschland ein Meerschweinchen kaufte und vom entsetzten Händler verlangte es auch gleich zu schlachten ….

Wie bei Witwe Bolte

Aber ganz egal, was man von fernöstlichen Ess-Sitten hält, eins fiel auf: Die asiatische Methode sich zu ernähren, schützt offenbar vor Fettleibigkeit. Übergewicht sahen wir – im Gegensatz zu anderen Stadtvierteln – in Chinatown kaum.

Dass dieses Phänomen mit einer anderen Ernährung zusammenhängt, liegt auf der Hand. Mittlerweile hatten wir richtigen Hunger und nun die Qual der Wahl. Ein Restaurant reihte sich an das andere. Wir gingen nach dem bewährten Motto vor: Blick auf die Speisekarte und Blick durchs Fenster. War der Laden leer, konnte er nicht gut sein. Und bei dem kleinen aber gut besuchten Restaurant an der Mott-Street, für das wir uns schließlich entschieden, stimmte alles: Man konnte durchs Schaufenster einen prüfenden Blick in die Küche werfen und wir ergatterten den letzten freien Tisch. Wir aßen drei Gänge rund um eine köstliche Peking-Ente und nicht nur satt, sondern auch zufrieden. Übrigens gilt auch im amerikanischen China-Restaurant: „Wait to bee seated“ und die Preise auf der Speisekarte entsprechen nicht dem Endpreis: Steuern und Tips (sprich Trinkgelder) müssen noch hinzugerechnet werden.

Dieselbe Auswahl-Methode (Masse = Klasse) funktioniert auch bei den kleinen, mobilen Imbissständen, die in New York überall in den Straßen stehen. Dort, wo die längste Schlange wartet, kann man sich getrost einreihen, denn dann gibt es auch wirklich Qualität! Diese winzigen Blechbüchsen sind über und über mit schreiend bunten Plakaten behängt, werben also sozusagen mit der Speisekarte im Großformat, während drinnen eine erstaunliche Vielfalt an Speisen zusammengebrutzelt wird, so dass wirklich für jeden Geschmack etwas dabei ist:  Vom traditionellen Hotdog und Cheeseburger, bis zum veganen Smoothie, Halal-Imbiss mit Falaffel und Kebab und auch Süßes ist reichlich im Angebot.

Beim angesagten Italiener in Brooklyn „DUMBO“ (Down Under the Manhattan Bridge Overpass) ging die Warteschlange allerdings fast um den gesamten Block und es pfiff ein kalter Wind. Direkt nebenan lag ein kleines, gemütlich aussehendes Restaurant, gut besucht aber nicht zu voll und das, was die Leute auf den Tellern hatten, sah gut aus. Die „Pizza Gigante“, die Joachim bestellte, wurde als Familienpizza bezeichnet. Nun ja … wir waren den ganzen Tag auf den Beinen gewesen … Ihr kennt den Ausdruck „die Platte putzen?“ – Das trifft es genau.

Zugegeben, ich schaue auf dem ersten Bild seltsam aus der Wäsche. Schuld war das Bier. Nein, es war nicht der Alkohol, der mir diesen Ausdruck ins Gesicht zauberte … es war mit Abstand das schlechteste Bier, das ich jemals im Leben getrunken hatte. Obwohl es vegan war. Und bio. Und sogar Alkohol enthielt. Aber sonst auch so einiges, das einfach – nun ja – ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll – „strange“ schmeckte – und so gar nicht nach Bier. Joachim hatte übrigens noch mehr Pech als ich: Seine Flasche war mit Aprikosen-Aroma versetzt.

Zum Trost fanden wir im Hotelzimmer eine Goodie-Bag der Hotelleitung mit zwei puppenstuben-kleine Portionen Rotwein. Fix und fertig verpackt und wieder verschließbar in Plastikgläsern. Nett. Und er schmeckte sogar besser als erwartet.

Als wir am nächsten Abend über den Times Square schlenderten, flimmerte es uns vor den Augen … einerseits vor Hunger, aber noch mehr wegen tausender Glühbirnen und LEDs, welche nicht nur die bekannten Billboards zum Leuchten brachten, sondern auch die Portale diverser Fresstempel illuminierten. Das goldene M war mit Neonröhren bestückt und ein roter M&M-Drops kletterte wie King-Kong die Fassaden rauf.

Das war Fast Food vom Feinsten – aber nur fürs Auge. Viel lieber verschwanden wir in den Tiefen der nahegelegenen Central Station, wo eine Markthalle und ein „Dining Concourse“ eine ebenso reichhaltige wie leckere Auswahl boten – und zwar für wirklich jeden Geschmack und Geldbeutel. Oder Essen beim Belgier: Le Pain Quotidien („Das tägliche Brot“) trägt seinen Namen zu recht.

Am letzten Tag gönnten wir uns dann auch zwei „richtige Burger“. Naja, stylish musste es schon sein. Wenn ich in Amerika einen Burger esse, dann will ich schließlich nicht zur selben Fastfoodkette gehen, die es auch bei uns um die Ecke gibt.

Also: Avocado-Burger und Mushroom-Burger. Hier seht ihr das Ergebnis: zwei Alibi-Avocadoscheiben sind sogar mit bloßem Auge erkennbar. Die zwei feinblättrig geschnittenen Dosenchampions auf dem anderen Burger hatten sich aber so gut versteckt, dass wir sie erst nach längerem Suchen fanden 😉 Aber lecker war das Meal, frisch zubereitet und gut gewürzt und besonders die French Fries waren der Hit.

Auch von der Diabetesfront gab es Entwarnung: Wir haben in New York (trotz Wochenkarte für die Metro) so viele Kilometer zu Fuß zurückgelegt, dass unser Stoffwechsel auch mit dem fettigsten Burger mit Leichtigkeit fertig geworden wäre.

Fazit: Fast-Food macht voll, aber nicht zufrieden. Glücklicherweise gibt es reichlich Alternativen. Man kann auch im teuren New York günstig essen. Dort, wo es voll ist, schmeckt es meist auch wirklich gut (deshalb ist in richtig guten Restaurants eine (Online-)Reservierung unbedingt zu empfehlen).  Das nächste Mal werden wir einen größeren Budgetposten fürs Essen einplanen. Ich schreibe nämlich schon fleißig an einer Liste mit Gründen, um diese tolle Stadt wieder zu besuchen. Und dann wird der Artikel übers Essen in New York noch einmal neu geschrieben. Versprochen!

Denn:

Leben ist Genuss des Augenblicks!

Genussreiche Grüße,

Ulrike Blatter

Ulrike Blatter

Die Genussliga bedankt sich ganz herzlich bei Ulrike Blatter, für den dritten Teil ihres New York Trips! Wir sind sehr gespannt, wie es weitergeht. (Hier geht es zum ersten Teil: Klick!) und hier zum zweiten Teil: Klick! 

Alle Bildrechte bei Ulrike und Joachim Blatter. Ausnahme: ein historisches Foto von Little Italy über TotallyFreeImages.com (lizenzfrei).

Und hier gibt es Informationen zu Ulrike Blatter und mehr zu ihren Romanen:

Ulrike Blatter, geboren im Mai. Wann sonst? In Köln. Wo sonst? Danach viel herumgekommen. Als Ärztin in der Rechtsmedizin sammelte sie Themen für ihre Krimis, in der Sozialpsychiatrie lernte sie Menschen mit originellen Biographien nicht nur kennen, sondern auch lieben. Heute lebt sie im südbadischen Exil, wo sie ihre große Liebe fand. Es zieht sie aber immer wieder hinaus in die weite Welt.

Hier gelangen Sie direkt auf Ulrike Blatters Homepage: http://www.ulrike-blatter.de/

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